Wie kulturelles Lernen unser Denken beeinflusst

Kulturelle Unterschiede beeinflussen, wie deutsche und US-amerikanische Teams denken und Handeln – 3 Schlussfolgerungen

Wie oft nimmst du dir Zeit, um dein Verhalten im Kontext deines kulturellen Hintergrunds zu reflektieren?

Wie beeinflusst dein kultureller Hintergrund deine Denk- und Diskussionsweise?

Es ist nie zu spät, über dieses Thema nachzudenken.

Wenn du bisher noch keine großen Auffälligkeiten in deinem Umfeld bemerkt hast, werden dich die folgenden Studienergebnisse überzeugen, dass unterschiedliche Denk- und Argumentationsstile, geprägt durch kulturelle Hintergründe, zu erheblichen Missverständnissen in internationalen Teams führen können.

Ein großes Problem bei internationalen Versetzungen besteht darin, dass eine beträchtliche Anzahl von Expatriates ihren Einsatz vorzeitig aufgrund kultureller und Anpassungsschwierigkeiten abbricht oder Leistungsprobleme entwickelt (schau dir den Artikel über Kulturschock an). Deshalb sollten wir keine Gelegenheit verstreichen lassen, uns selbst besser zu verstehen und gleichzeitig die Herangehensweisen anderer anzuerkennen und verstehen zu lernen.

Wie gut bist du darin, kulturelle Unterschiede anzunehmen, selbst wenn sie dich herausfordern? Das Eintauchen und Arbeiten in einem internationalen Team können eine faszinierende kulturelle Reise sein.

Wenn Forschungsergebnisse mit deinen eigenen persönlichen Erfahrungen übereinstimmen…

Mein Ansatz beinhaltet, potenziell aufkommende Probleme frühstmöglich zu erkennen, um sie im Verlauf minimieren zu können. Zugegebenermaßen spiegelt eine ausführliche Problemanalyse einen typisch deutschen Denkstil wider (wie du weiter unten erfahren wirst). Stimmt das auch mit deiner Art zu denken überein? Wahrscheinlich ist das genau der Grund, warum ich die Studie über Denk- und Diskussionsstile bei deutschen und US-amerikanischen Studierenden so wertvoll finde. Die Ergebnisse zeigen einige typische Themen auf, die auch in Gesprächen mit meinen Klienten aufkommen. Und sie spiegeln auch einige meiner persönlichen Erfahrungen wider.

Deutsche und US-amerikanische Denk- und Diskussionstile im Vergleich

Drei internationale Universitäten, die University of Nebraska in Omaha (USA), die VU University Amsterdam (die Niederlande) und die TU Braunschweig (Deutschland), führten, mit dem Ziel, Verhaltensmuster in Diskussionsgruppen besser zu verstehen, einen faszinierenden Vergleich zwischen US-amerikanischen und deutschen Studenten durch. Insgesamt wurden die Interaktionen von 30 Diskussionsgruppen analysiert, darunter 15 US-amerikanische Teams mit 73 US-amerikanischen Studenten und 17 deutsche Teams mit 52 deutschen Studenten. Jedes Team erhielt die gleiche Aufgabe und wurde gebeten, sie sorgfältig zu lesen und darüber zu diskutieren, bis eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden konnte.

Diese Ergebnisse kamen dabei heraus:

1. Ergebnis: Problemanalyse vs. Lösungsentwicklung

Deutsche Teams konzentrierten sich stärker auf die Analyse von Problemen, während US-amerikanische Teams die Produktion von Lösungen verstärkt im Blick hatten. 

Hier sind ein paar Beispiele, um dir diesen Unterschied besser zu verdanschaulichen:                                                       Eine wichtige Erkenntnis war, dass deutsche Studierende eine größere Vorliebe für das Sammeln zusätzlicher Informationen zeigten. Sie verwendeten in ihren Diskussionen häufig Wenn-dann-Klauseln, um ein tieferes Verständnis des Problems zu erlangen. Ein Beispielsatz ist „Wenn er nur durchschnittlich war, würde ich ihm nicht raten, an die Universität X zu gehen“2 (frei übersetzt).

Im Allgemeinen neigten die deutschen Studierenden dazu, Klarheit zu bevorzugen und Unsicherheit zu minimieren. Das stimmt mit Beschreibungen des Unsicherheitsvermeidungs-Index überein, auf dem Deutsche höhere Werte erreichen3.

Amerikaner auf der anderen Seite vernachlässigten häufiger das Fehlen von Informationen und tendierten dazu, schnell mögliche Lösungsaussagen zu präsentieren. Sie schienen weniger vor Unsicherheit zurückzuschrecken. Zum Beispiel brachten amerikanische Studierende mehr Ratschläge in Diskussionen ein als ihre deutschen Kollegen, wie „Ich würde ihm raten, alles zu geben“.4 (frei übersetzt)

2. Ergebnis: Die Struktur in Diskussionen

Deutsche Teams zeigten ein größeres Bedürfnis nach Struktur und etwa 2x so viele Verhaltensweisen, um Struktur zu schaffen. 

Im Detail bedeutet dies, dass die deutschen Studierenden mehr Kommunikation zur Strukturierung ihrer Abläufe nutzten, wie zum Beispiel „Nun, wer möchte beginnen?“ oder „Sollen wir einfach am Anfang anfangen und jeder sagt, was er für die richtige Antwort hält?“4 (frei übersetzt) 

Have you also experienced that structure can be so important in German’s reasoning processes?

Expat Coaching Sarah Eisenacher - How our culture influences our thinking and discussion styles

3. Ergebnis: Soziale und emotionale Interaktionsmuster

US-amerikanische Teams zeigten mehr soziales und emotionales Verhalten, wie Ermutigungen, oder gaben positives Feedback.

Andere Menschen in Diskussionen gut fühlen zu lassen sowie ein positives Selbstbild zu erschaffen, wurde in der Vergangenheit von anderen Wissenschaftlern als eine amerikanische Eigenschaft beschrieben5. Anstatt zu sagen ‚Das ist wahr, okay, das ist ein guter Punkt‘ (Amerikanische Studierende4(frei übersetzt)), sagten deutsche Studierende häufiger Sätze in den Diskussionen, die die Wahrheit abbildeten. Ein Beispiel hierfür war ‚Nein, ich glaube nicht, dass das für mich ausreichen würde‘4 (frei übersetzt).

4. Ergebnis: Gegensteuerndes Verhalten

Gegensteuerndes Verhalten in Diskussionen, wie das Äußern von negativen Aussagen, war in deutschen Teams häufiger anzutreffen.

Ist das ein gängiges Vorurteil, das du schonmal über Deutsche gehört hast?                                                  Gegensteuerndes Verhalten kann jede Kommunikation sein, die sich vermehrt auf das Negative konzentriert, zum Beispiel Beschwerden, jemandem die Schuld geben, oder versuchen, die Diskussion frühzeitig zu beenden. Deutsche Diskussionsgruppen in der Studie äußerten Sätze wie ‚Das ist sowieso eine unrealistische Frage‘ oder ‚Das ist viel zu schwer‘.6

Beide Ergebnisse, 3 und 4, spiegeln die Bedeutung von direkter und klarer Kommunikation wider, die in deutschen Teams üblich ist und für Personen mit deutschem kulturellem Hintergrund sozial akzeptierter ist.

Wissen über den Einfluss unseres kulturellen Hintergrunds kann helfen die Widerstandsfähigkeit zu stärken

Meine psychologische Arbeit beinhaltet die Reflexion von Risiken für das Wohlbefinden meiner Klienten. Missverständnisse, problematische Abläufe in Besprechungssituationen, sich isoliert fühlen aufgrund des ‚anders Denkens‘, sowie Teamkonflikte stellen definitiv ein hohes Risikopotenzial für das Wohlbefinden und die Leistung von Expats dar. Und obwohl die Ergebnisse der Studie prototypisch und nicht einfach universell anwendbar sind, bieten sie dennoch wichtige Implikationen. Als Psychologe weiß ich, dass das Vorhandensein von Begriffen für anerkannte kulturelle Unterschiede bereits immens unterstützend und validierend sein kann.

Our own life has to be our message.

Thich Nhat Hanh

Implikationen

Von diesen Ergebnissen können wir drei Dinge lernen

1) Kulturelle Unterschiede im Verhalten in Meetings beeinflussen Diskussionen also maßgeblich. Es ist entscheidend, in umfassendes Training zu investieren, um das Bewusstsein für interkulturelle Unterschiede in Teams zu schärfen und das Verständnis dafür zu fördern. Auch Reaktionen von Teammitgliedern auf kulturelle Unterschiede zu erkennen und zu verbessern kann Teamsituationen verbessern. Das Training sollte maßgeschneidert und länderspezifisch sein, um das Bewusstsein für Verhaltens- und Denkmuster, die mit den vorherrschenden Kulturen im Unternehmen verbunden sind, zu schärfen. Dieses Wissen wird dabei helfen, sich auf die Summe der Stärken für die täglichen Geschäftsabläufe zu konzentrieren und kontinuierliche Verbesserungen zu erreichen.

2) Während globale Teams eine facettenreiche Interaktion fördern, kann gezieltes Training gleichzeitig dazu beitragen, Missverständnisse und unbeabsichtigte Konflikte zu reduzieren. Zum Beispiel wird in deutsch-US-amerikanischen Teams ein klar definierter Plan erforderlich sein, um einen ausgewogenen Ansatz zwischen problemorientierten und lösungsorientierten Herangehensweisen zu finden. Ebenso können Unterschiede im Bedarf an Struktur, emotionaler Kommunikation, sowie sozialer Dynamik zu Widersprüchen und unangenehmen Gefühlen führen.

3) Um eine gemeinsame Richtung im Team zu erleichtern, ist es entscheidend, sich vorab auf gemeinsame Ziele zu verständigen. Im Prozess können Teammitglieder von expliziter verbaler Validierung und Wertschätzung profitieren. Darüber hinaus ermutigen die Autoren der Studie zu regelmäßigen Teamreflexionen über die Interaktion während der Besprechungen. Die systematische Überprüfung vergangener Meetings kann die Achtsamkeit und kulturelle Sensibilität fördern, um einen reibungsloseren Austausch von Ideen zu erleichtern.

Starting with self-reflection, proceeding with team work

Strategien zu ändern und die soziale Interaktion zu verbessern, beginnt immer mit der Selbstreflexion. Indem wir unsere eigenen kulturellen Vorurteile anerkennen und offen für das Verständnis anderer sind, legen wir den Grundstein für erfolgreichere globale Zusammenarbeit. Dies wird wiederum dazu beitragen, unser persönliches Wohlbefinden, Zufriedenheit und Widerstandsfähigkeit. Und dann kann die Faszination der kulturellen Reise doch losgehen.

Hi, ich bin Sarah. Es ist meine Leidenschaft, über menschliches Denken, Fühlen und Verhalten zu lernen und zu lehren. 

Sarah Eisenacher

Expat Coach und Psychologin (PhD)

Referenzen

1 Lehmann-Willenbrock, N., Allen, J. A., & Meinecke, A. L. (2014). Observing culture: Differences in U.S.-American and German team meeting behaviors. Group Processes & Intergroup Relations, 17(2), 252-271. https://doi.org/10.1177/1368430213497066

2 Lehmann-Willenbrock, N., Allen, J. A., & Meinecke, A. L. (2014). Observing culture: Differences in U.S.-American and German team meeting behaviors. Group Processes & Intergroup Relations, 17(2), 252-271, p.11.

3 Hofstede, G., Hofstede, G.J., Minkov, M. (2010) „Cultures and Organizations: Software of the Mind,“ Third Revised Edition, McGrawHill.

4 Lehmann-Willenbrock, N., Allen, J. A., & Meinecke, A. L. (2014). Observing culture: Differences in U.S.-American and German team meeting behaviors. Group Processes & Intergroup Relations, 17(2), 252-271, p.12.

5 Yin, J. (2002). Telling the Truth? A Cultural Comparison of „Facilitating Discussion“ in American Talk, Discourse Processes, 33:3, 235-256. doi10.1207/S15326950DP3303_3.

6 Lehmann-Willenbrock, N., Allen, J. A., & Meinecke, A. L. (2014). Observing culture: Differences in U.S.-American and German team meeting behaviors. Group Processes & Intergroup Relations, 17(2), 252-271, p.14.